Aggressionen Verstehen, All in
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Agressionen verstehen – Die Individualdistanz von Hunden und ihre Desensibilisierung

Die Individualdistanz ist ein Thema, was leider in Training viel zu selten beachtet wird. Hunde haben genau wie Menschen eine eigene Individualdistanz, die einzuhalten ist. Mit dieser Distanz ist ein bestimmter Abstand rund um den Hund gemeint. Wo er sich bedroht, unwohl oder gestresst fühlt, wenn man näher kommt oder diese Grenze überschreitet. Wie groß diese Distanz sein muss, hängt immer vom Hund ab und von den verschiedensten Faktoren:

  • Wie vertraut ist der Hund mit der Umgebung
  • Wie vertraut ist der Hund mit dem für ihn unangenehmen reiz – also wird bereits daran gearbeitet oder ist es völlig neu
  • Von der körperlichen und psychischen Verfassung des Hundes
  • Davon wie sehr der Hund den Menschen mag, der näher kommt
  • Auf den Halter!!
  • Und ob der Reiz in der Vergangenheit negativ oder positiv kennengelernt wurde.

Wird diese Distanz überschritten, reagiert jeder Hund anderes zum Beispiel mit flucht, Unruhe oder mit verteidigungsverhalten. Im ersten Moment reagiert der Hund mit Beschwichtigungssignalen. Häufig zu beobachten sind angelegte Ohren, flache Rute oder das wiederholte schlecken über die eigene Nase. Wo die meisten Menschen denken, das ist liebevoll gemein. Ist es nicht. Doch die wenigsten Menschen, achten leider auf diese Signale und nehmen sie daher nicht wahr >> Artikel die Beschwichtigungssignale von Hunden.

Ist eine Flucht nicht möglich oder eine Beschwichtigung wird ignoriert, reagiert der Hund mit passiven verteidigungsverhalten. Dazu gehören die Klassiker, wie knurren oder bellen. Was die meisten Menschen als Unruhe bezeichne nach dem Motto „Bello wir gehen ja gleich weiter“ hilft das auch nicht kommt offensivem Verteidigungsverhalten je nach Charakter kann das erst das Androhen sein wie anspringen oder fixieren- anschließend folgen konsequentere Handlungen. Die der Hund dem Menschen quasi beibringen muss, damit dieser nicht näher kommt.

Ich habe schon einige Fälle von offensiver Verteidigung gesehen, die nur drauf zurückzuführen sind, dass der Mensch die Individualdistanz zum Hund, nicht eingehalten hat und der Halter sämtliche Signale des Hundes ignorierte.

Ja auch frau Vela konnte auch mal anders, wenn sie wollte.

Wenn die Distanz Kilometer beträgt?

Ja, frau Vela hat eine Individualdistanz von der halben Welt gefühlt in manchen Dingen, Jogger sind auf Kilometer Entfernung schon ein Stressfaktor hoch 10 je nach Situation. Wie in einigen Artikeln schon geschrieben auch unsere schwedische Möbelhaus Tüte die ich immer zum Einkaufen benutze. Mein Hund hasste diese Tüte so sehr, dass sie nicht mal ansatzweise zu mir her kam, wenn ich diese Tüte in die Hand nahm. Der Schlüssel heißt>> Desensibilisierung.

Desensibilisierung

Bedeutet ich versuche ihr die Angst, wieder vor etwas zu nehmen: stück für Stück. In dem Tempo was der Hund vorgibt- ganz wichtig!!

Erst mal zeigte ich ihr die Tüte so, dass sie keine Geräusche gemacht hat, und schiebe ihr dabei immer wieder ein Leckerchen ins Maul: D ich legte die Tüte auf den Boden und dort ein Leckerchen drauf, dies habe ich nur 2- oder 3-mal wiederholt. Da es wirklich stress ist für den Hund und die Überwindung groß ist, bei so viel Angst. Also bitte nicht überfordern. Wir haben dies jeden Tag gemacht einige Wochen und irgendwann war die Tüte fast ihr bester Freund. So wie man einen Hund für etwas sensibilisieren kann, ist mit der Desensibilisierung einfach das Gegenteil gemeint.

Die meisten Menschen glauben, dass Hunde keine Individualdistanz haben oder wenn dann würden sie das ohne groß zu reagieren, akzeptieren und sich sogar darüber freuen- das ist ziemlicher Blödsinn. Der Bumerang, der Aggression berichte, die ich schreibe funktionieren immer wie ein Zahnrad, wenn ich die Beschwichtigungssignale nicht kenne – weiß ich nicht, welche Situation meinem Hund unangenehm ist- wenn ich nicht weiß, was passives Verteidigungsverhalten ist,(Artikel hier lang>) kann ich ja auch nicht sagen, wann mein Hund dies überhaupt einsetzt. Der Fuchs beißt sich also immer selber in den Schwanz. Der Mensch ist sehr gut darin, Thesen über den Hund aufzustellen mit einem minimalen wissen über den Hund. Ganz schon arrogant, oder?

Also bleiben die oft unangenehmen Situationen für den Hund bestehen. Und was nun? Nun muss der Hund reagieren, da der Mensch es ja nicht tut. Also lernt er, dass Beschwichtigungssignale (zum Artikel hier lang>) oder Rückzug seine Situation einfach nicht verbessern- (auch oft durch die Leine geschuldet, wenn Menschen sehr nah beieinander stehen). Steigt nun die Anzahl dieser Situationen oder die Dauer an, lernt der Hund, dass er nicht mehr viele Möglichkeiten hat, und zeigt offensives verteidigungsverhalten – also zuschnappt oder beißt. In solchen Momenten treten die Menschen meist immer zurück und der Hund hat seine Bestätigung erhalten – Bestätigung kann nicht nur futter sein, sondern auch Distanz. Nun wird er dieses verhalten immer wieder einsetzen, da es den gewünschten Erfolg bringt. Was macht der Mensch oder der Halter gerne in der Situation? Genau er bestraft seinen Hund. Total mega falsch. Eigentlich macht der Hund alles richtig! Der Mensch muss es nur verstehen. Nun bestrafen wir ihn für das eigentlich richte verhalten und der Hund beginnt seinem Halter nicht mehr zu vertrauen. Wenn der Hund in einer für ihn angespannten und gestressten Situation ist und dann bekommt er noch eine auf den Deckel von seinem halter- wo soll der Hund dann Sicherheit erfahren?

Die Menschen erkennen die Ernsthaftigkeit der Situation meist erst, wenn der Hund dieses Verhalten manifestiert hat oder das erste Mal gebissen hat. Einen Hund mit Menschen wieder zu desensibilisieren ist nicht nur schwer, sondern auch sehr riskant. Das solltet ihr nur mit einem guten Trainer zusammen machen. Auch wir arbeiten mit Desensibilisierung daran:

Hier sage ich wieder, wie in jedem Artikel über Aggressionen und verteidungsverhalten, dies wurde von uns erarbeitet und auf Velas Charakter zugeschnitten, jeder Hund ist anderes.

Wir haben uns mit bekannten in der Hundeschule getroffen, frau Vela trug einen Maulkorb und die Leute kamen näher – sie bellte – nun gingen jedoch die Leute nicht weg, sondern kamen näher. Nun war ich daran ihr zu zeigen, dass sie ihr nichts Böses möchten. Ich zeigte ihr, dass ich die Situation kläre – mit Körpersprache. Wurde sie ruhiger, bestätigte ich sie sofort. Suchte sie meine nähe, Blickkontakt oder Ähnliches bestätigte ich sie. Ging das Bellen oder Reißen an der Leine wieder los, bekam sie kein Leckerchen und ich ignorierte das verhalten. Dieses Training lebt von Timing, Körpersprache, Vertrauen und wie ich im Nachhinein feststellen musste von trainierten Emotionen, denn innerlich bin ich 100 Tode gestorben. Man selber muss in diesen Situationen Besonderes stark, selbstsicher und ruhig sein. Das ist äußerst schwer, aber machbar. Diese Trainingssituation wurde nur 2-mal in einem Training gemacht. Da es sonst zu anstrengend für alle war.

Ich habe diese Situation bereits in einem anderen Artikel beschrieben und ich finde es, auch wichtig vor allen zu sagen, dass unser Ziel nicht ist, dass andere Frau Vela streicheln können. Sonder das wir ohne zu bellen, und mit niedrigerer Stressschwelle an den Menschen vorbei kommen.

Bei frau Vela war die Angst und die Reaktion die Menschen zurückzuführen auf ihre Erfahrungen im Ausland und auch auf mich, da ich selber anfangs nicht verstand, was sie wollte und meinte.

Hunde werden irgendwann mit offensiver Verteidigung reagieren und warum? – einfach weil der Mensch/ der Halter nicht aufpasst.

Ein klassische Situation, sind immer 2 Personen, die sich zufällig treffen und sich unterhalten. Eine der beiden Personen hat ein Hund dabei. Erst mal kann man sich gut und ohne viel aufriss unterhalten und dann plötzlich gefühlt aus dem nicht, zeigt der Hund offensives Verteidigungsverhalten und schnappt die Person. Die Personen haben die Beschwichtigungen einfach nicht wahrgenommen.

Wer hat also nun schuld an dieser Situation? Ich habe da einfach meine Meinung. Der Mensch. Punkt. Wir sind dafür verantwortlich unsere Hunde zu kennen und ihre Sprache und ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren oder mit ihnen zusammen daran zu arbeiten. Ist der Hund kein Balljukie, kaufen wir ja auch nicht ein Fünfziger Pack Bälle, oder? Warum ist dann der Mensch in solchen Themen oftmals so stur?

Ein weiteres Problem bei nicht Einhaltung der Distanz oder die Ignorantin, ist die Sicherheit. Kann sich ein Hund also noch sicher fühlen in der Umgebung seines Besitzers, wen dieser nicht auf die Distanz oder die Bedürfnisse aufpasst?

Will mein Mensch mir etwa etwas Schlechtes?

Ich bin mir sicher, dass Hunde dies Lernen und fange an selbstständig zu reagieren, ohne auf ihren Besitzer zu achten. Irgendwann bellt der Hund alle Menschen an, weil er denkt keine hält die Individualdistanz ein, zu was ist es nun gekommen? Genau zu einer Generalisierung! Also zu einer Verallgemeinerung des Problems (hier geht’s zum Artikel) wer die anderen Artikel bereits gelesen hat, sieht nun wie alle Themen ineinander hängen und mit einander zu tun haben. Es ist ein ewiger Kreislauf.

Wir Menschen müssen uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen, dass grundsätzlich alle Hunde gerne angefasst werden, in der Welt der Wölfe und Hunde ist das nicht normal. Jedoch in unserer. Dies dürfen wir nicht auf den Hund übertragen oder der Gedanke nach dem Motto “ der Hund soll sich nicht so anstellen“ oder „er kommt damit schon klar“ die Bindung zwischen Hund und halter kann dabei sehr schnell in die Brüche gehen – da der Hund aufhört seinem Mensch zu vertrauen. Völlig zu Recht in meinen Augen.

Frau Vela lässt sich grundsätzlich nicht von anderen Menschen anfassen und leider begegnen mir immer wieder Menschen die mich und vor allen meinen Hund bemitleiden aus tiefsten Herzen. Etwas was ich nicht verstehe – jetzt kommt wieder einer meiner Lieblingssätze: Lassen wir uns gerne von fremden Begrabbeln? Also ich bestimmt nicht. :d

Unsere Hunde lieben uns oft so bedingungslos, da sollte es doch das Mindeste sein auch auf ihre Bedürfnisse zu achten. Die Individualdistanz ist ein so wichtiger Faktor beim Thema Vertrauen schaffen und festigen, dass ich es schade finde das viele Trainer es vergessen. Den wenn dem Hund Schritt für Schritt gezeigt wird, dass er zum Beispiel vor einem Gegenstand keine Angst haben muss, festigt das die Beziehung ungemein – da der Halter, maßgeblich an dem positiven Erfolg beteiligt ist und das weiß sein Hund.

Daher kann ich nur folgende Vorsätze empfehlen:

Wahrt die Individualdistanz! Wenn mich jemand anspricht warum ich so weit wegstehe- sag ich auch einfach, weil mein Hund das nicht mag, wenn ich so nah komme. Punkt. Ich gebe zu, ich mag diese Situationen fast, den frau Vela schlabbert mir immer ganz kurz nach der Situation an den Fingern als Bestätigung. Das liebe ich so sehr, es ist wie ein kleines Dankeschön und macht mich richtig stolz auf mein Mädchen.

Jeder Kontakt mit einem Reiz sollte freiwillig sein! Ich bekomm augenbluten, wenn ich sehe das Menschen ihren Hund über Treppen zerren oder tragen, über gitter ziehen oder einfach mitreißen. Es gibt einen Grund, warum der Hund das grade nicht gerne macht. Frau Vela liebt Autofahren, doch das Einsteigen war immer schwer – also haben wir überall Leckerchen verteilt die sie am Auto suchen durfte ohne zu verlangen einzusteigen. Dann haben wir die Tür aufgemacht und ein Leckerchen auf den Sitz gelegt, sie nahm es sich und ging. Am Tag darauf stellte sie sich schon auf den Sitz mit den Vorderpfoten und nach und nach sprang sie einige Tage später ins Auto. Schlüssel> Desensibilisierung. Heute springt sie mit purer Freude auf ihren Platz …

Jede neue Begegnung mit einem Reiz, die dem Hund angst macht, wo er sich gut verhält, wird positiv belohnt! Immer wenn frau Vela eine Begegnung mit Menschen ohne viel tamTam übersteht, bekommt sie ein Leckerchen und ein gut gemacht sowie einen Blickkontakt. Bellt sie doch mal, bekommt sie kein Leckerchen und ich gehe ohne Kommentar mit ihr weiter.

Lernen im Alltag.

Die Desensibilisierung ist etwas, was immer Zeit in Ansprung nimmt, ich weiß das nur zu gut. Diese Zeit sollte, nein muss man sich nehmen. Ein Hund lernt durch Erfahrungen und nicht von einer Sekunde auf die andere. Ein weiteres Beispiel für uns waren Menschen mit Kapuzen. Der gefühlte Todesstoß für meinen Hund. Sogar mir vertraute sie nicht, wenn ich sie aufzog. Ich gebe zu, anfangs habe ich sie einfach nicht mehr aufgezogen, was jedoch Schwachsinn war. Also was tun? Genau immer dieses Ding aufziehen. Beim Füttern, beim Spielen überall hatte ich eine Jacke mit Kapuze an, dass sie lernt, dies ist nichts Schlimmes. Nach uns nach haben wir es geschafft und Kapuzen waren wieder kein Problem. Ich könnte jetzt sagen wie toll das war, doch es war einfach nervig und anstrengend, aber nötig!

Ich weiß, dass es viel Zeit in Anspruch nimmt. Ich muss meinen Hund vor gefühlt jedem zweiten Gegenstand in unserem Leben desensibilisieren, doch der Erfolg spricht für sich und da ist es mir egal, wie lange es dauert. Mache Sachen haben wir in wenigen Tagen hinbekommen und mache Dinge erst nach Wochen – das liegt daran, wie groß der Groll auf den Reiz ist.

Seinen Hund zu kennen, zu beobachten, und seine Vorlieben sowie Abneigungen zu kennen ist Grundlage für eine funktionierende Mensch Hund Beziehung in meinen Augen …

 

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