Aggressionen Verstehen, All in
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Canis Symposia – Erfahrungsbericht Teil 2

…heute folgt Teil 2 des Erfahrungsberichtes der Canis Symposia und ich will auch gleich voll einsteigen. Wer Teil eins noch nicht kennt, findest du hier den Link.

Ein wissenschaftlicher Vortrag war nun vorbei und der Kopf voller Informationen, darauf folge gleich ein weiterer wissenschaftlicher Vortrag, auf den ich mich freute. Von Dr. Marie Nitzschner  – ihr Thema:

Ängstlichkeit und Aggressivität als Persönlichkeitsmerkmal

Ich bin ja so eine ehrliche Socke und muss sagen, ihr Vortrag hat mir am wenigsten zugesagt oder gefallen im Nachhinein. Ich habe so wenig daraus mitgenommen, ich denke jetzt noch drüber nach, was Sie uns vermitteln wollte. Sie hatte vor ihrem Vortrag klar betont, dass sie nun Thesen und Ergebnisse vorstellt und Zitat: „Wissenschaft muss keine Wahrheit sein“

Es folgte eine Aufreihung von Zahlen & Diagrammen aus verschiedensten Publikationen rund um die Welt. Es war weniger ein Vortrag mehr eine Vorstellung von Ergebnissen in Bezug auf das Thema. Viele Pausen und Ähms erschwerten mir persönlich das zuhören. Sie redete frei, sprach aber gerne mal sehr schnell oder leise zu sich selbst wie „Ja das muss Nächstes mal anders machen“. Auf mich wirkte es etwas unvorbereitet. Vielleicht lag es aber auch an meiner Erwartungshaltung. Ich habe mich später mit einigen Teilnehmern unterhalten und diese teilten meine Meinung, dass sie sehr wenig mitnehmen konnten. Es war interessant aber nichts zum Merken oder Mitnehmen.

Mittagspause  – nach 2 Wissenschaftlichen Vorträgen, war jeder dankbar übers Durchatmen. Es gab eine riesen Portion Maultaschen mit Kartoffelsalat. Für das warme Wetter genau richtig.

Was super sauer aufgestoßen ist und auch Steffen völlig zum Überkochen brachte (zu Recht) war die Tatsache, dass trotz mehrfacher hinweise, Angebote und Co. einige der Teilnehmer meinten bei 30 Grad ihre Hunde zum Symposium mitzubringen und im Auto zu lassen….

Steffen hatte wirklich toll vorbereitet. In mehrfacher Ausführung teilte er im Newsletter mit, dass Hunde im Saal nicht erlaubt sind. Das Symposium bot sogar einen Rabatt bei Hundebetreuung an und arbeite auch dort mit Partnern zusammen & trotzdem …

Leider und das finde ich im Nachhinein echt schade, hatte ich meine Kamera nicht dabei, als ich noch etwas aus dem Auto holen wollte(und nein Vela war zuhause beim Mathemann). Es bot sich ein komisches Schauspiel – in jeder Reihe standen Autos mit offenen Fenster, Kofferraum und Co. Man erkannte also sofort wo Hunde im Auto waren und glaubt mir, es waren nicht nur 2 oder 3 Autos. Selbst mit offenen Fenster wird es warm im Auto! Steffen stellte sich also auf die Bühne und machte eine klare Ansage … niemand rührte sich.

Die Spannung im Saal kippte plötzlich von ausgelassen zu „zum Zerreißen gespannt“ auch als die Pause vorbei war, ging er noch mal auf die Bühne. Wieder stand niemand auf. Selbst die Dozenten boten sich als „Gassigänger“ an. Erst mit dem Androhen der Polizei rührte sich langsam was im Saal. Später frage ich Steffen, wie viele sich bei den Dozenten gemeldet hatten. Er sagte: „Genau eine Person“. Seine Enttäuschung darüber war enorm.

Unfassbar – man merke Steffen an wie Sauer er war – was ihm keiner verübeln konnte. Er handelte dann mit dem Hallenbetreiber und Hausmeister aus, das die Hunde im Foyer in Boxen „geparkt“ werden dürfen. Leute!! Ernsthaft. Jeder, wirklich jeder, weiß wie heiß ein Auto bereits bei 20 Grad wird, diese Lehre ist doch nix Neues. Da kann man echt nur den Kopf schütteln.

Nun folge ein sehr inspirierender Beitrag, der eingeschoben worden war, wegen krankheit einer Dozentin. Vanessa von der Hellhound Fundation erzähle über ihren Alltag mit abgegebenen Hunden welche als aggressiv, gefährlich, seltsam oder als nicht mehr tragbar gelten. Von Hunden, die sich selbst fast das Bein abkauen – bis hin zur schweren Beißattacken.

Das Thema war vor allen Praxis & Leben. Vanessa ist super lässig und vermittelt den Eindruck oder eher die Frage – Ist die naiv oder sicher?  aber ganz klar sicher! Man erkannte keinerlei Angst als sie von einem Hund sprach, der ihr vor wenigen Wochen so stark ins Gesichts Biss, dass man Sie nähen musste. Der Saal verstummte. Sie lachte nur und sagte: „ja weil ich die Situation falsch eingeschätzt habe, ich war zu sicher und habe Fehler gemacht- Pech halt.“

Mit ihrer lockeren Art sprengte sie das ganze angespannte Thema und sprach frei über „DAS“ Tabu Thema – Aggressionen und Beißen. Sie machte klar, wie viele Hunde aus Überforderung abgeben werden und das es oft mehrere Versuche braucht einen Hund zu vermitteln – trotz genauer Aufklärung.

Ihre Art die Dinge so locker zu nehmen war für mich total inspirierend. Es war ihre Art – ihre Persönlichkeit. Sie weiß über die Vorgeschichte der Hunde Bescheid. Sie hatte auf mich den Eindruck gemacht völlig vorurteilslos die Hunde bewerten, trainiert und vermittelt. Ein wirklich toller Einblick in so einen spannenden Alltag – schaut mal auf ihrer Seite vorbei.

Nun folge ein Vortag einer weiteres Vanessa, Vanessa Engelstädter – was besonders charmant war ihre Berufbezeichnung „Menschentrainerin in Fachrichtung Hund“ 

Alleine dies unterschreibe ich schon. Ihr Vortrag hat mich vor allen wieder etwas geerdet. Samstag war ein Tag voller Höhenflüge und als junge Trainerin inmitten von so vielen erfahrenen Dozenten, war ich sehr aufgeregt und sabbelte auch mal dummes Zeug, wo ich später dachte. „Jetzt weiß auch der letzte, dass du nervös warst.“

Vanessas Vortag beruhigte mich wieder – wir sind halt alle Menschen. Sie hat, wie ich finde, den besten Text im Handout geschrieben und zur Verfügung gestellt. Dickes Lob dafür.

Sie beschreib die typischen Alltagssituationen aus der Sicht eines Trainers und wie sie damit umgeht. Ihre Aussage:  „Der Alltag im Hundetraining – das Wissen an den Menschen bringen“

dazu stellte sie das Brillenkasten System vor.  Welches zum Bestandteil der Analyse und Beratung bei ihr zählt.

Beziehungsbrille – Versteht der Hund seinen Menschen? Versteht der Mensch seinen Hund? Sind Laut- & Körpersprache im Umgang aufeinander abgestimmt?

Bindungsbrille – Welches Bindungsverhalten zeigen Hund und Mensch? Hat der Mensch einen Ansprechpartner bei Stress oder Konflikt?

So gibt es eine Vielzahl der Brillen, welche sie „aufzieht“ um so das Team zu beurteilen.

Auf mich mache sie den Eindruck immer ganz methodisch auf jedes Team einzugehen. Sie erzählte aus dem Training und wie ein „verhalten“ eines Hundes überhaupt entsteht und wie der Faktor Mensch dort seinen Teil beiträgt.

Für mich am besten, das Thema über Resilienz, sie brachte dazu tolle Beispiele und erklärte auch – Der Schlüssel für ein gutes und sicheres Training bedeutet nicht das Rad neu zu erfinden.

Das Mantra genaue Analyse / Reflexion & Training und sich aktiv dafür zu entscheiden, den Hund entscheiden zu lassen. Denn auch bei „Aggressionen“ entscheidet sich ein Hund dafür.

Den Hund kommunizieren zu lassen, in den Möglichkeiten des Erlaubten und nicht eins von Menschen gewünschten verhalten aufzuzwingen.

Die Forschung am Menschen und Ihnen dieses Wissen zu vermitteln. Sie abzuholen und die Prozesse auf das Training mit Hund zu übertragen, sodass man dies nicht nur auf dem Platz verinnerlicht, sondern auch mit seinem Hund im Alltag umsetzten kann, ist für mich nur ein Beispiel für einen wirklich guten Trainer. Mich hat sie völlig mit ihren Worten abgeholt und ich habe mich selbst dabei ertappt, wie ich immer wieder nickte und ihr zustimmte. Ein wirklich toller Beitrag.

Auch am Samstagabend gab es wieder ein „get together“ mit Cocktails.

Der Sonntag startete erneut mit Butterbrezeln und Kaffee um halb 10. Dr. Ehster Schalke oder wie sie sagte „einfach Ehster“ gab den Einstieg am Sonntag. Ihr Thema Stressmanagement bei der Erziehung (im Speziellen bei Sporthunden).

Bei ihr ging es erst einmal um die Frage: Was ist Stress? Wie wird er ausgelöst und wie zeigt er sich. Eine gute Wiederholung und sie legte auf Genauigkeit in ihrem Beitrag sehr viel wert. Was jedoch dazu führte, das manchen Themen etwas totdiskutiert wurden sind und man sehr lange ein einem Thema hing.

Sie war sehr klar in ihrer Aussprache und hatte eine Vielzahl an Folien vorbereitet. Sie beschrieb viele Situationen aus dem Hundesport. Grade dort, wo die Hunde dermaßen Stress ausgesetzt sind wo es viele nicht vermuten. Zum Beispiel beim Agility. Der größte Stress für den Hund ist nicht der Pacour, sondern das warten und Aushalten bis man endlich dran ist. Diese Situation beschrieb sie präzise und viele im Saal fühlten sich angesprochen durch die gängige Sportart.

Ute Heberer – lebt und arbeitet ihre Interessen, dies hat man bei ihrem Vortrag klar gemerkt. Sie führt und leitet seit über 25 das Tierheim „Tiere in Not in Oldenburg“. Über die Jahre wurde es vor allen durch die gute Arbeit mit verhaltensauffälligen Hunden bekannt und bekam 2014 sogar den Hessisches Tierschutzpreis. Auch das Buch Aggressionsverhalten beim Hund ist unter anderen von ihr.

Sie ist nicht nur Leiterin, sondern auch Trainerin und engagiert sich viel ehrenamtlich. In ihrem Vortrag fand sie klare Worte über das Arbeiten im Tierheim. Sie sprach viel darüber „was für ein großes Manko es ist, das Tierpfleger nicht speziell für die Arbeit mit Hunden ausgebildet werden“ somit Situationen falsch einschätzen und die Tiere Verhaltensweisen an den Tag legen aufgrund der Reaktion der ungeschulten Mitarbeiter – ein Teufelskreis. Welche Aussage mich am meisten Schockierte. Wusstet ihr, dass man Hunde im Tierheim nicht in Einzelhaltung halten darf?? Das ist gegen das Tierschutzgesetzt. Nur in Ausnahmefällen darf ein Hund einzeln gehalten werden. Doch die meisten der Tierheime halten ihre Hunde 24 Stunden am Tag einzeln. Fehler im System oder?

Sie zeigte (ohne angeben) wie es im TINO Odenwälder Tierheim zugeht und es gab Videos wie die Pfleger, die zum Teil „hoch aggressiven Hunde“ füttern. Die Hunde leben dort untereinander mit einer Vielzahl an Hunden zusammen. Keine EinzelhaltungU und es funktioniert wunderbar- selbst während der Fütterung zeigte kein Hund ein auffälliges Verhalten, alles ging ruhig zu. Was mich total schockierte die Reaktion einiger im Saal. Sätze wie „das ist doch ein Spiel mit dem Feuer“ „wenn was passiert können sie nichts tun“ und „unverantwortlich“ sind gefallen. Sie stellte sich selbstsicher dieser Aussagen und nahm völlig den Wind aus diesen Kommentaren. Die Erfahrung und wenigen Vorfälle der letzten 25 Jahre geben ihr auch einfach recht. Viele Videos zeigten den Alltag im Tierheim – absolut vorbildlich. Sie machte aber auch klar, dass dahinter harte Arbeit, gutes Personal und eine klare Linie steckt.

Für ihren unglaublichen Einsatz gab es von Canis Symposia sogar eine tolle Spende.

Nach so viel Power im Beitrag brachte Sami viel Ruhe rein. Mit dem Vortrag:

Gehören Aggressionen nicht zum Leben dazu?

Er hatte keine Präsentation vorbereitet von Bildern oder Videos, was er aber auch nicht brauchte. Er sprach total ruhig und man hatte den Eindruck, jeden Moment fängt man selber an zu Meditieren. Im Saal entstand eine flauschige Ruhe, anders kann ich es nicht beschreiben.

Vor allen das Körpersprachliche Longieren hat er neu ausgearbeitet und unterrichtet Trainer und Privatpersonen darin. Sein Buch findet ihr hier. Von ihn hätte ich mir mehr im Handout gewünscht, es gibt zwar eine Personenbeschreibung aber mehr leider nicht. In seinem Beitrag habe ich viele Sätze aufgeschrieben, die einfach klasse waren.

„Wir fordern drinnen nie das von unserem Hund ein, was wir draußen in Konfliktsituationen erwarten.“

„Wir Menschen müssen in Stresssituationen lernen unseren Hund Sicherheit zu geben.“

„Wenn ich meinen Hund etwas vermitteln möchte, muss ich es erst selber verstehen, verinnerlichen & im Kopf reifen.“

In diesem Zusammenhang beschrieb er die Beziehung von Hund/Mensch und das Aggressionen in jedem von uns sind.  Er machte darauf aufmerksam so, wie alle Dozenten, dass es ein Spiel aus vielen Komponenten ist wie Genetik, Rasse, Erfahrungen, falsche Erziehung und erlerntes Verhalten ist.

Fazit- Es war ein Wochenende voller höhen und Tiefen, manche Beiträge empfand ich als eher schwach und andere als extrem stark. Die Organisation war super und auch Essen und Pausen gut gewählt. Ich würde mir ein einheitlicheres Handout wünschen, manche Dozenten fassten alles toll noch mal in einigen Seiten zusammen, machen machten einfach nichts. Egal ob als Trainerin, Hundehalter oder einfach Interessent – das Symposium hat sich sehr bewährt und gelohnt. Ich habe viel neues gelernt und tolle Menschen kennengelernt. Andere Sichtweisen gehört und viel über Hunde gesprochen.

Es wurde viel gelacht, gespendet und auch bei den Podiumsdiskussionen geredet. Für meinen geschmack verlohren diese aber nach anfänglichen guten Fragen an Stärke und dann ging es nur noch darum die Aussagen der Dozenten zu bestätigen – das wurde dann etwas lang.

Die Kernaussage für mich am ganzen Wochenende ganz klar – Es ist vor allen der Mensch, der wissen muss. Es wird immer Hunde mit unterschiedlichen Reizschwellen geben. Hunde die Beißen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Das ist nun mal die Welt und wir müssen diese Welt selber verstehen um daran mit einem Hund zu arbeiten.

Ich kann das Canis Symposia absolut jedem ans Herz legen. Ich werde auch im nächsten Jahr wieder kommen ….macht euch gleich einen guten Preis klar und bucht bei „Save the Date“

 

 

 

 

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